Grundbegriffe des physikalischen Denkens

Edgar Hunger

Inhaltsverzeichnis

1. Welt
2. Weltanschauung
3. Weltbild
4. heutige Weltbilder
5. zitierte Literatur
6.
Außenwelt
(7. Innenwelt)

Literatur

 

1. Welt

Welt , ein in vieldeutigem Sinne gebrauchter Begriff, der seine eigenen Interpretationen in der Philosophie, Geschichte, Religion, Biologie, Physik usw. hat. Auch bei den verschiedenen Zusammensetzungen (Weltgeschichte, Umwelt usw.) muss der Begriff erst ausgelegt werden. In der Physik versteht man unter Welt das Universum (->Raum-Zeit-Welt).

Kant hat den Begriff Welt philosophisch in seiner Totalität, und zwar sowohl als Totalität der Erscheinungen als auch als Totalität der Zusammenhänge und Gliederung, gefasst. Um Welt in dieser Totalität erkennen zu können, müsste man ein absolutes Wissen besitzen. Kant hat gezeigt, dass Welt in dieser Totalität vom Verstande nicht umspannt werden kann, sondern eine Idee ist, die zwar kein Erkenntnisgegenstand ist, aber doch als notwendig vorausgesetzt werden muss. (-> Kosmos, -> Raum-Zeit-Welt, -> Universum)

 

 

2. Weltanschauung

Weltanschauung ist eine Auffassung von der Ordnung der Welt, vom Weltverlauf, vom Sinn, von den Aufgaben und Zielen des Menschen, die zumeist auf einer metaphysischen Sinndeutung beruht. Sie enthält implizit oder explizit auch Wertvorstellungen. In eine Weltanschauung fließen manchmal auch wissenschaftliche Gedanken ein. In der Weltanschauung bestimmt sich - im Gegensatz zum ->Weltbild - ein existentielles Verhältnis des Menschen zur Welt. Die Weltanschauung bestimmt das Denken, Werten und Handeln des Menschen und damit sein Menschenbild. Wenn auch die meisten Menschen keine geschlossene und bewußte Weltanschauung besitzen, so haben sie doch weltanschauliche Vorstellungen, die zumeist durch die Tradition, die Kultur, die Religion, die eigenen Erfahrungen bedingt sind.

Weltanschauung sind nicht wissenschaftlich beweisbar. Es lassen sich zwar Begründungen für diese oder jene weltanschauliche Einstellung geben, sei es durch Hinweis auf Erfahrungen, auf Dogmen oder traditionelle Wertvorstellungen. Weltanschauung sind z. B.: der deutsche Idealismus, der Pessimismus (diese Welt ist die schlechteste aller Welten), wie ihn Schopenhauer vertrat, der -> Positivismus, als dessen Begründer Comte gilt, und auch der -> dialektische Materialismus, der eine wissenschaftlich begründete Weltanschauung zu sein vorgibt, weil er sich auf die Ergebnisse der Naturwissenschaft stützt. Man spricht auch von naturwissenschaftlicher Weltanschauung. Diese ist jedoch keine Weltanschauung, die durch die Naturwissenschaft begründet wird, sondern eine metaphysische Deutung der Naturwissenschaft, nämlich die Ansicht, dass sich der Weltverlauf und der Verlauf des Menschenlebens streng nach naturwissenschaftlicher Gesetzlichkeit vollziehen. Damit setzt eine solche Weltanschauung eine Wertordnung voraus, nämlich dass die Naturwissenschaft die ranghöchste Wissenschaft ist, deren Erkenntnissen absolute Wahrheit zukommt.

 

 

3. Weltbild

Weltbild, eine Vorstellung darüber, wie die Welt als Ganzes beschaffen, welches ihre räumliche und zeitliche Grundstruktur ist und durch welche Kräfte und Gestaltungs­prinzipien sie diese Struktur erlangt hat. Zum Weltbild gehört u. U. auch eine Vorstellung über die Entstehung der Welt (-> Kosmos, -> Kosmogonie). Ein Weltbild ist kein bloßes Abbild der Welt oder ein Film ihres zeitlichen Verlaufs; denn diese würden zufällige Konstellationen der Welt wiedergeben. Es wird vielmehr unter bestimmten Auswahlprinzipien gestaltet, durch die gewisse andere Darstellungsweisen außer acht bleiben. So wird ein astronomisches Weltbild unter anderen Prinzipien erstellt als eines, das das organische Geschehen betrifft.

Das einfachste Bild vom Aufbau der Welt ist das wahrnehmungsmäßig-räumliche: die Erde als Mittelpunkt, über sie der Himmel gewölbt, mit Sonne, Mond und Sternen. In allen Kulturen sind Weltbild entstanden. In den alten Hochkulturen des vorderen Orients finden wir magische Weltbild, denen zufolge die Welt von übernatürlichen Mächten durchwaltet ist. Der Mensch seinerseits versucht, mit magischen Mitteln (Zauber) auf diese Mächte Einfluss zu nehmen. Im frühen Griechentum finden wir mythische Weltbild Die Weltentstehung wird als übernatürliches Geschehen durch einen Mythos erklärt, der Bau der Welt damit von ihrem Ursprung her zu deuten versucht. Im mythischen Weltbild wird zugleich ein Ordnungsschema der Welt entworfen, das anthropomorph, d. h. am menschlichen Körper orientiert ist. Das Geschehen der Natur wird durch das Wirken übernatürlicher Wesen erklärt, deren Fähigkeiten jedoch nur Steigerungen menschlicher Fähigkeiten darstellen. Das mythische Denken wurde durch das logische Denken abgelöst. Doch wurden verschiedene Züge der vorlogischen Weltbilder übernommen und in die logische Ebene transponiert. So wird bei den griechischen Naturphilosophen der Versuch gemacht, die Welt vom Ursprung her, aus einem obersten Prinzip, zu erklären. Empedokles versuchte, die Kräfte aufzuweisen, die im Naturgeschehen walten. Nach Pythagoras ist die Welt nach Maß und Zahl, also nicht mehr in anthropomorpher, sondern in einer vom Menschen unabhängigen Weise, geordnet. Die Welt ist zugleich Ausdruck höchster Harmonie, die göttlichen Ursprungs ist. Im »Timaios« hat Platon ein von den Pythagoreern beeinflusstes Weltbild gezeichnet, das bereits Züge eines natur-wissenschaftlichen Weltbild trägt, jedoch im Mythos wurzelt. Ptolemaios hat ein wissenschaftlich-astronomisches Weltbild entworfen, das von geometrischer Struktur ist.

In der Entwicklung der abendländischen Naturwissenschaft bildete sich nach und nach das heutige astronomische Weltbild aus. Gleichzeitig wurden Theorien ersonnen, die die Entwicklung der Welt von ihrem Anfang bis zur heutigen Gestalt darlegen, so u. a. von Descartes und von Kant. Die Welt erscheint zunächst als Ausdruck einer göttlichen Ordnung, vor allem bei Kepler, Pascal und Leibniz. Im 18. und 19. Jh. entstanden Weltbild, die die Welt als große, von selbst funktionierende Maschine darstellten, wobei die »Hypothese« Gott für überflüssig erachtet wurde. Solche Aussagen sollten den naturwissenschaftlichen Aspekt vom religiösen trennen.

Immer mehr kam der Gedanke zum Durchbruch, dass es nicht möglich sei, das Ganze der Welt unter einem einzigen Aspekt zu erkennen, sondern dass die Welt unter einer Vielfalt von Aspekten erforscht werden muss. Das physikalische Weltbild stellt demnach nur den physikalischen Aspekt dar. Es versucht, die physikalischen Gesetzlichkeiten zu erfassen, unter denen die Erscheinungen verlaufen. Dabei sind jedoch die Gesichtspunkte, unter denen die alten Weltbild entworfen wurden, noch immer maßgebend:

  • a) die Prinzipien,
  • b) die Ordnung,
  • c) die Kräfte und ihre Wechselwirkungen.

 

 

4. heutige Weltbilder

Das physikalische Weltbild hat Wandlungen durchgemacht, die mit dem Stand der Forschung zusammenhängen, (mechanistisches Weltbild, energetisches Weltbild, relativistisches Weltbild, die Welt als Raum-Zeitkontinuum). Die moderne Forschung beschäftigt sich vor allem mit der Feinstruktur der Welt und versucht, ein geschlossenes physikalisches Weltbild von den Atomen bis zu den Spiralnebeln zu geben.

Neben den physikalischen Weltbildern gibt es biologische, z. B. von Bergson, Driesch, Meyer-Abich u. a., kulturelle, z. B. von Spengler, philosophische, z. B. in neuerer Zeit von N. Hartmann, der einen »Schichtenbau« der Wirklichkeit annimmt. Weltbild unterliegen dem Wandel, den neue Einsichten oder neue philosophische Überlegungen herbeiführen. Ein Weltbild ist nicht dasselbe wie eine - Weltanschauung, doch ist es oft durch eine Weltanschauung mitbestimmt.

 

5. zitierte Literatur

L. v. Bertalannfy, Das biologische Weltbild. München 1949

E. Cassirer, Philosophie der symbolischen Formen, 3. Bde. Oxford 1954

A. St. Eddington, Das Weltbild der Physik. Braunschweig 1931

N. Hartmann, Der Aufbau der realen Welt. Berlin 1940

N. Hartmann, Philosophie der Natur. Berlin 1950

W. Heisenberg, Das Naturbild der Physik. rowohlts deutsche enzyklopädie, Bd. 8

J. Kant, Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels. 1755

A. Meyer-Abich, Naturphilosophie auf neuen Wegen. Stuttgart 1948

C. F. v. Weizsäcker, Zum Weltbild der Physik. Stuttgart 1963 10

C. F. v. Weizsäcker, Geschichte der Natur. Kleine Vandenhoeck-Reihe 1/la

   

6. Außenwelt

Außenwelt, im Gegensatz zur inneren Welt des Menschen, der Welt seiner Gefühle und Erlebnisse, diejenige Welt, die ihm als »andere« Welt, als Welt der Gegenstände und des Geschehens an diesen Gegenständen »gegenübertritt«. Diese Welt wird, durch unsere Sinne vermittelt, wahrgenommen, erlebt, gedeutet, andererseits aber auch wissenschaftlich bearbeitet und erforscht. Locke (1632-1704) nahm an, dass die Sinnesempfindungen durch die Gegenstände der Außenwelt verursacht werden und dass diese jenen bis zu einem gewissen Grade gleichen (-> Abbild). Die Philosophie der Aufklärung stellt zwei Probleme in den Mittelpunkt ihrer erkenntnistheoretischen Überlegungen:

  1. das Problem der Realität der Außenwelt,
  2. das Problem der Erkennbarkeit der Außenwelt.

Berkeley lehrte, dass eine vom Wahrnehmen und Denken unabhängige Außenwelt nicht existiere, sondern dass das, was wir für die Außenwelt halten, nichts anderes sei als Komplexe von Ideen, die Gott den Menschen mitteilt. Hume leugnete zwar die Existenz der Außenwelt nicht, wohl aber ihre Erkennbarkeit. Nach ihm haben wir nur von den Impressionen (Sinneseindrücken) und ihren Verbindungen eine Erkenntnis, nicht aber von der Außenwelt und ihrem Zusammenhang.

Die entscheidende Wendung des Themas nahm Kant vor, indem er den Begriff der Erfahrung untersuchte und neu formulierte. Der Erkenntnisgegenstand hat nach Kant zwei Wurzeln: die Sinnlichkeit und den Verstand. Der Verstand bearbeitet den rohen Stoff, der uns durch die Sinne gegeben wird, mit Hilfe der Kategorien, ordnet ihn und erhebt ihn zur Gegenständlichkeit. Nach einem ->Ding-an-sich (also nach einem Gegenstand, der nicht durch den Verstand geformt ist) zu fragen und zu forschen, wird als eine der Vernunft widerstreitende Aufgabe angesehen. Der -> Realismus behauptet die Existenz einer vom Subjekt unabhängigen Außenwelt (die Kant nicht bestreitet), wobei der sog. naive Realismus - im Gegensatz zu Kant - die Ansicht vertritt, dass diese Außenwelt so ist, wie sie mit den Sinnen wahrgenommen wird (-> Abbild), während der kritische Realismus die Frage, wieweit eine Erkenntnis der Außenwelt möglich ist, als ein ernsthaft zu prüfendes, philosophisches Problem ansieht und der Meinung ist, dass die wissenschaftliche und philosophische Forschung bis zu einem gewissen Grade zur Erkenntnis der Außenwelt führt. Eine Anzahl von Philosophen glaubt dabei, dass an der Außenwelt nur die formalen Züge, nicht aber die qualitativen Inhalte erkennbar seien. In der neueren Psychologie ist auf die große Schwierigkeit hingewiesen worden, Außenwelt und Innenwelt immer scharf zu trennen. (Ein geträumter Baum, so sagt man, unterscheide sich nicht allzu sehr von einem wirklichen.)

Wir müssen unterscheiden zwischen der Außenwelt, die sich uns, durch unsere Sinnesempfin­dungen vermittelt, darbietet, und der Außenwelt in der Form, wie sie von den Wissenschaften erstellt wird, als die Mannigfaltigkeit der Gegenstände unserer wissenschaftlichen Aus-sagen (Erkenntnisse). Zu diesen Wissenschaften gehört vor allem die Naturwissenschaft. Es handelt sich in beiden Fällen zwar um das gleiche Substrat, das wir meinen, wenn wir von Außenwelt sprechen, jedoch werden dabei jeweils verschiedene -> Aspekte dieses Substrats hervorgehoben. Der Physiker muss sowohl die Existenz als auch die physikalische Erkennbarkeit der Außenwelt zum mindesten als Arbeitshypothese zugrunde legen, gleichgültig, auf welchem philosophischen Standpunkt er steht. Er muss, selbst wenn er die Existenz der Außenwelt leugnet, wissenschaftlich so arbeiten, als ob sie vorhanden wäre.

In der modernen Physik ist das Problem, ob eine scharfe Trennung von Innen- und Außenwelt möglich ist, dadurch wieder aufgetaucht, dass der Beobachter das beobachtete Elementarteilchen stört und damit die Außenwelt bereits durch die Beobachtung verändert wird (-> Atom). Demgegenüber ist darauf hingewiesen worden, dass die Störung nicht durch den Beobachter als menschliches Individuum herbeigeführt werde, sondern durch den Apparat. Es liege damit also immer noch eine scharfe Trennung von Beobachter und Objekt, von Innen- und Außenwelt vor.

Zitierte Literatur:

M. Hartmann, Die philosophischen Grundlagen der Naturwissenschaften. Stuttgart 1959 2

N. Hartmann, Philosophie der Natur. Berlin 1950

H. A. Lindemann, Die Erkenntnis der Außenwelt und das psychophysische Problem. In: Zt. f. philos. Forschung, Bd. 3, 1949

B. Russell, Physik und Erfahrung. In: Zt. f. philos. Forschung, Bd. 1, 1947

 

 

Literatur

Autor:

Edgar Hunger: Grundbegriffe des physikalischen Denkens (Literaturverzeichnis 177)

Bearbeitet: Klaus-G. Häusler; haeusler[at]muenster[dot]de
weitere Literatur:

Welt wikipedia; Weltanschauung wikipedia; Weltbild wikipedia; Außenwelt wikipedia;